Warum der Sajama-Nationalpark in Bolivien einzigartig ist

Der Sajama-Nationalpark (Parque Nacional Sajama) ist Boliviens ältester Nationalpark und wurde bereits 1939 zum Schutz der extrem hoch gelegenen Polylepis tarapacana-Wälder (Queñua de altura) ausgewiesen.

Das Schutzgebiet liegt in der Oruro-Region, direkt an der Grenze zu Chile, umfasst rund 1.000 km² und erhebt sich von etwa 4.200 m bis hinauf zum majestätischen, vergletscherten Nevado Sajama (6.542 m) – dem höchsten Berg des Landes.

Die Landschaft gehört zur trockenen Zonensteppe der zentralandinen Puna und verbindet spektakuläre Vulkankegel, Geysire, heiße Quellen, Hochland-Lagunen, die höchstgelegenen Wälder der Welt sowie kulturelle Zeugnisse der Aymara mit dem Gefühl eines grenzenlosen Altiplano-Horizonts. 2003 wurde der Park auf die Tentativliste der UNESCO gesetzt (Welterbe-Vorschlagsliste) – ein Hinweis auf seine außergewöhnliche Kombination aus Natur- und Kulturerbe.

Was Sajama so besonders macht, ist die Verdichtung vieler Anden-Superlative auf kleinem Raum: höchster Gipfel Boliviens, höchstgelegene Baumlinie (Polylepis-Bestände bis an ~4.800–5.000 m), Aymara-Traditionen, polychrome Chullpas (vorkoloniale Grabtürme), die rätselhaften Sajama-Linien und eine Fauna vom Vikunja bis zum Andenkondor – und das alles in einer Gegend, in der der Himmel tagsüber brennt und die Nächte unter Null fallen können.

Bilder | Der Sajama Nationalpark

Geografie, Geologie & Ökosysteme: Vom vergletscherten Stratovulkan bis zum Puna-Grasland

Der Park liegt in der Cordillera Occidental am Westrand des bolivianischen Altiplanos. Sein Namensgeber Nevado Sajama ist ein ausgedehnter, eisbedeckter Stratovulkan, der aus mehreren Lavadomen aufgebaut ist.

Ihm zur Seite stehen die formschönen Vulkangiganten des Payachata-Massivs (Pomerape und Parinacota, jenseits der Grenze in Chile). Das Relief wechselt zwischen Vulkankegeln, Tuff-Felstürmen, sanft gewellten, gelb-grauen Puna-Matten und in Beckenlagen eingestreuten Hochlandlagunen, die Flamingos anziehen. Das Klima ist extrem: starker UV-Index, große tägliche Temperaturschwankungen, geringe Jahresniederschläge und eisige Nächte auch im „Sommer“.

Ökologisch prägend sind Polylepis-Wälder (Queñua de altura) – die höchstgelegenen Baumgesellschaften der Erde. Diese knorrigen Bäume mit schindelartiger Rinde dienen als Windschutz, schaffen Kleinklimate, speichern Wasser und bieten Vögeln und Klein­säugern Rückzugsräume. Genau ihr Schutz war 1939 der Auslöser zur Gründung des Nationalparks.

Fauna-Highlights reichen von Vikunjas (wildlebende Kameliden) und Herden von Lamas/Alpakas über Vizcachas (Anden-Nagetiere) und Andenfüchse bis zu Vogelarten wie Andenkondor, Andenblässralle oder Flamingos an den Lagunen. Wer mit Fernglas unterwegs ist, erlebt im Morgen-/Abendlicht ein kinohaftes Andenpanorama.

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Kulturspuren der Aymara: Chullpas, „Sixtina des Altiplano“ & die rätselhaften Sajama-Linien

Die lebendige Kultur der Aymara prägt den Park bis heute – er ist berühmt für Chullpas, vorkoloniale Grabtürme, teils polychrom (bemalt), die einst hochgestellten Familien als kollektive Ruhestätten dienten. Viele Chullpas öffnen nach Osten (Ritualbezug zur aufgehenden Sonne). Entlang des Río Lauca gilt der Komplex als einer der bedeutendsten erhaltenen im Altiplano.

Außerhalb, aber typischer Stopp auf der Anreise, steht die Kirche von Curahuara de Carangas, oft als „Sixtinische Kapelle des Altiplano“ bezeichnet: ein unscheinbares Adobe-Äußeres verbirgt innenraumfüllende Kolonialfresken mit biblischen Zyklen. Der Ort liegt rund 75–90 km östlich des Parks (Straßenentfernung), häufig in 2- bis 3-Tages-Touren kombiniert.

Weltweit einzigartig sind die Sajama-Linien – Tausende, vielleicht Zehntausende schnurgerader Linien und geometrischer Figuren, die den Altiplano wie ein Netz überziehen. Sie erstrecken sich über eine Fläche von etwa 22.525 km² und summieren sich grob auf ~16.000 km Gesamtlänge – deutlich größer als die berühmten Nazca-Linien. Sichtbar werden sie erst aus der Luft; am Boden gehen sie oftmals im Puna-Schotter auf. Ihre Funktion (Prozessionswege? Ritual-/Landmarken?) ist noch nicht endgültig geklärt.

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Anreise, Orientierung & praktische Logistik

Ausgangspunkte: Meist starten Reisende in La Paz (oder Oruro). Per Bus geht es auf der Nationalroute 4 (La Paz – Patacamaya – Tambo Quemado) Richtung chilenische Grenze. In Patacamaya steigen Sie in einen Minibus/Van der lokalen Kooperative (z. B. „Trans Sajama“) direkt ins Dorf Sajama um. Fahrzeiten: grob 5 Stunden gesamt ab La Paz (inkl. Umstieg), je nach Abfahrten; von Patacamaya etwa 2 Stunden (mehrmals täglich). Die Parkzufahrt zweigt ca. 11 km Schotterpiste von der Route 4 ab.

Mit eigenem Fahrzeug folgen Sie der asphaltierten Route 4 bis zur Abzweigung „Sajama“. Ein 2WD genügt bei trockener Witterung; nach Regen/Schnee ist Hochland-Erfahrung von Vorteil. Tanken Sie rechtzeitig (Patacamaya/Oruro), führen Sie genug Wasser, warme Kleidung und ggf. Sauerstoff/Medikamente gegen Höhenkrankheit mit.

Parkeintritt & Tickets: Erfahrungsberichte nennen für den Parkeintritt 40–100 BOB pro Person (teils inkl. kleinem Parkplan) – die Preise können sich ändern und differieren je nach Verkaufsstelle (Gemeinde-Office, Parkkontrollpunkt) und enthaltenen Leistungen. Planen Sie lokal etwas Puffer ein und erkundigen Sie sich im Dorf Sajama.

Basislager Dorf Sajama: Das Dorf (ca. 4.250 m) liegt 2–3 km vom Fuß des Vulkans; hier gibt es einfache Hostales, Comedores und Guides. Von hier starten die meisten Tages-Hikes und Ausfahrten (Geysire, Termas, Lagunen).

Beste Reisezeit: Mai–Oktober (Trockenzeit) bietet klarere Sicht, festere Pisten und stabileres Wetter, aber sehr kalte Nächte. In der Regenzeit Dezember–März sind Wege teils schlammig, Gewitter und Graupel möglich – landschaftlich dramatisch, logistisch anspruchsvoller. UV-Strahlung ist ganzjährig extrem.

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Die Top-Erlebnisse: Routen, Hotspots & Tagesvorschläge

Heiße Quellen (Termas): Nördlich des Dorfs liegen mehrere einfache, landschaftlich großartige Hot-Spring-Pools mit Blick auf den schneebedeckten Sajama. Zu Fuß rechnet man ~1–1,5 Stunden ab Dorfzentrum; die Nutzung kostet üblicherweise eine kleine Gemeindetaxe (um ~30 BOB). Ideal am Morgen (Dampf im Gegenlicht) oder spätem Nachmittag.

Geysire-Feld: Westlich von Sajama stößt man nach ~7 km auf ein Geysir-/Fumarolenfeld mit dampfenden, gelegentlich sprudelnden Quellen – eine sehr lohnende Halbtageswanderung.

Lagunas de Altura: Wer etwas höher hinaus will, wandert (oder fährt mit Guide) zu den Hochland-Lagunen, wo oft Flamingos auf spiegelglatter Oberfläche zu sehen sind. Beste Saison: Mai–Oktober (klarer, trockener).

Chullpas-Rundfahrt & Río Lauca: Mit lokalem Fahrer erkunden Sie polychrome Chullpas, alte Kapellen (Ojsani, Kellua Kota) und Viewpoints. Wer die Anreise mit Kultur kombinieren will, legt auf dem Weg einen ausgedehnten Stopp in Curahuara de Carangas ein („Sixtina des Altiplano“).

Sajama-Linien: Am Boden schwer zu erkennen, sind die geometrischen Linien als abstrakte, lineare Landschaftserfahrung dennoch spürbar – besonders an Erhebungen mit weitem Blick. Drohnenflüge unterliegen lokalen Regeln; fragen Sie im Dorf/bei Parkwächtern nach Genehmigungen und Respektzonen. (Die Dimensionen der Linien: ~22.525 km² Fläche, ~16.000 km Länge in Summe.)

Mountaineering: Der Nevado Sajama (6.542 m) ist ein ernstzunehmender Hochtourenklassiker mit Gletscherpassagen (Steigeisen/Seil, Akklimatisation, Guide). Alternativen: der technisch leichtere Acotango (≈ 6.050 m) oder Aussichtsgipfel der Umgebung. Planen Sie ausreichend Akklimatisation (mind. 3–4 Nächte >3.500 m, ideal mehr).

Vorschlag 2 Tage:
Tag 1: Anreise La Paz → Patacamaya → Sajama, Dorfrundgang & heiße Quellen bei Sonnenuntergang.
Tag 2: Geysire am Morgen, Lagunas de Altura mit Picknick, nachmittags Chullpas und Rückfahrt / Zusatznacht.

Vorschlag 3 Tage:
Tag 1: Curahuara-Kirche, Anreise nach Sajama, abends Termas.
Tag 2: Geysire + Lagunen-Loop, optional kurzer Höhenanstieg (Aussichtskamm).
Tag 3: Chullpas-Rundfahrt und Abreise / Start einer Andenüberquerung Richtung Chile (Lauca-NP).

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Sicherheit, Höhe & Gesundheit: Akklimatisation ist kein Luxus

Sämtliche Aktivitäten spielen sich auf > 4.200 m ab; das Risiko der Höhenkrankheit ist real. Plan: schrittweise Akklimatisation (vorher 1–2 Nächte in La Paz/El Alto oder im Valle), viel trinken, gemäßigtes Tempo, erste Tage keine großen Anstrengungen, Alkohol vermeiden, Sonnenschutz (Hut, UV-Brille, SPF 50).

Nächte fallen auch in der Trockenzeit unter 0 °C, Schlafsäcke bis −10 °C Komfort (beim Campen) sind sinnvoll; Unterkühlung ist die häufigste Ursache für „abgebrochene“ Touren. Die UV-Strahlung ist sehr hoch – Sonnenbrand und Kälte können zeitgleich auftreten.

Bringen Sie eine kleine Apotheke (Schmerzmittel, Pflaster, Elektrolyte) mit. Wer auf Acetazolamid (Höhenprophylaxe) setzt, spricht das vorher ärztlich ab. In abgelegenen Bereichen ist Mobilfunk lückenhaft; informieren Sie Ihre Unterkunft/Guide über geplante Routen und Rückkehrzeit.

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Natur & Kultur respektvoll erleben: Regeln, Gebühren, Community-Tourismus

Schutz und Regeln: Die Parkgründung diente dem Schutz der Polylepis-Wälder; Feuerholz-Sammeln, das Betreten sensibler Flächen (nasse Bofedales, junge Polylepis-Schösslinge) und Störungen von Wildtieren sind zu vermeiden. Wege nutzen, Zäune/Gatter wieder schließen, Müll mitnehmen.

Eintritt & lokale Tickets: Rechnen Sie mit einem Parkticket (siehe Spanne oben), plus ggf. Gemeindegebühren für Termas/Schutzhütten. Diese Einnahmen stützen lokale Initiativen (Instandhaltung, einfache Infrastruktur). Preise schwanken – aktuelle Werte bitte im Dorf Sajama bzw. beim Kontrollposten erfragen.

Guides & Homestays: Das Dorf Sajama bietet Gemeindeguides und familiengeführte Unterkünfte. Für Hochtouren am Nevado Sajama ist ein zertifizierter Bergführer obligatorisch zu empfehlen (Gletscher, Spalten, Wetterumschwung). Fragen Sie nach Gruppen, die Aymara-Rituale verantwortungsvoll und authentisch vermitteln (kein „Dorf-Zirkus“).

Fotografie & Drohnen: Menschen nur mit Erlaubnis fotografieren; Drohnenflüge nur nach Absprache (Gemeinde, Parkwächter) und außerhalb von Fauna-Sensitivzonen. Für sakrale Orte (Kirchen, Chullpas) gelten oft zusätzliche Regeln.

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Deep-Dive: Hintergrundwissen & häufige Fragen (FAQ)

Ist der Park wirklich der älteste in Bolivien? – Ja. 1939 als Schutzgebiet proklamiert (Fokus Polylepis), damit der erste Nationalpark des Landes.

Warum sind die Polylepis-Wälder so bedeutsam? – Sie bilden das höchstgelegene Waldökosystem der Erde (bis ~4.800–5.000 m), dämpfen Wind, speichern Feuchte, bieten Bruträume und sind durch frühere Holzkohle-Nutzung stark reduziert – deshalb Kernziel des Schutzes.

Wie erkenne ich die Sajama-Linien? – Am besten aus großer Höhe (Aussichtspunkte/Drohnen-Fotos). Am Boden sind einzelne lineare Stein-/Erdkämme erkennbar, die in Geometernetzwerken zusammentreten; archäologisch gelten sie als eines der größten Geoglyphen-Ensembles der Welt.

Wie kommt man ohne eigenes Auto hin?La Paz → Patacamaya (Bus, häufige Abfahrten), dort in Minibus nach Sajama umsteigen (z. B. Trans Sajama, ~2 h). Planen Sie Puffer für den Umstieg.
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Wie teuer ist der Eintritt? – Erfahrungswerte schwanken zwischen ~40 und ~100 BOB, teils inkl. einfachem Parkplan. Termas kosten zusätzlich (häufig ~30 BOB). Vor Ort nachfragen; Preise können sich ändern.

Beste Reisezeit?Mai–Oktober (Trockenzeit) mit klaren Tagen und sehr kalten Nächten; Regenzeit Dezember–März ist landschaftlich reizvoll, aber logistisch anspruchsvoller. UV ist ganzjährig hoch.

Was sind die Top-Spots vor Ort?Termas (heiße Quellen), Geysire, Lagunen (Flamingos), Chullpas, ggf. Curahuara de Carangas (Kirche), sowie Rundblicke am Fuß des Nevado Sajama.

Kann man Sajama besteigen? – Ja, aber nur mit umfassender Akklimatisation, alpinistischer Ausrüstung und idealerweise mit Bergführer. Weniger anspruchsvoll ist der Acotango (~6.050 m), häufig als Eingehtour.



Pack- & Planungsliste (kompakt)

Warme Schichten (Daune, Fleece, Wind-/Regenschutz), Mütze, Handschuhe.
Sonnen­schutz (Hut, UV-Brille, SPF 50, Lippenbalsam).
Schuhe für Schotter/Salzkrusten, ggf. Gamaschen.
Trinksystem (≥ 2 l/Person), Thermos (Tee wärmt!).
GPS/Offline-Karten, Stirnlampe, Powerbank.
Notfall-Set (Elektrolyte, Schmerzmittel, Blasenpflaster).
Bargeld in BOB (Eintritte, Termas, Kleinbeträge).
– Für Hochtouren zusätzlich: Steigeisen, Seil, Pickel, Helm – mit Guide abstimmen.



Reise-Mini-Glossar (Aymara/Spanisch)

Ayllu – traditionelle Gemeinschaft.
whc.unesco.org

Chullpa – Grabturm der Aymara.
en.wikipedia.org

Queñua – Polylepis/hochandiner Baum.
en.wikipedia.org

Termas – heiße Quellen.
Altiplano – Hochlandebene der Anden.



Hinweis zur Aktualität von Preisen & Fahrplänen:

In den Anden ändern Gemeinden Gebühren, Buszeiten und Routen flexibel. Prüfen Sie im Dorf Sajama oder in Patacamaya die tagesaktuellen Abfahrten/Preise; Erfahrungswerte in Online-Berichten (z. B. 25 BOB Minibus Patacamaya → Sajama; mehrere Abfahrten/Tag) sind nützliche Anhaltspunkte, ersetzen aber keine lokale Nachfrage

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